Freudig erregt: Das Rezept für Erfolg

Rainer Maria Salzgeber arbeitet seit 1994 bei Schweizer Radio und Fernsehen SRF und gehört zu den beliebtesten Moderatoren der Schweiz. Für seine Moderation während der UEFA EURO 2008 wurde er zum Schweizer Sportjournalisten des Jahres gewählt und erhielt den Schweizer Fernsehpreis. Seine grösste Liebe gilt dem Fussball: so begleitet Salzi seit September 2014 die Spiele der Schweizer Fussball Nationalmannschaft. Seit 2019 moderiert er zudem den Schweizer Unterhaltungsklassiker «Donnschtig Jass».

Neben seiner Tätigkeit beim Schweizer Fernsehen ist Salzgeber auch ein gefragter und mehrsprachiger Event Moderator. Der Mann aus dem Oberwallis fühlt sich auf jeder Bühne wohl.


Interview: Christa Rigozzi

Redaktion und Fotos: Tom Wiederkehr


CR: Wie geht es dir?

RMS: Wunderbar – Manchmal habe ich Angst, es würde noch besser! (lacht) Im Ernst: ich habe eine wunderbare Familie und mache das, was mir Spass macht. Ich war bisher vom Leben geküsst.


Du bist ja viel unterwegs: heute sind wir in Luzern, du wohnst in Zürich, du kommst aus dem Wallis. Wo bist du am liebsten?

Ein Lieblingsort kann ich gar nicht nennen. Heimat ist für mich nicht der Ort, wo ich herkomme. Heimat ist der Ort, wo ich meine Liebsten um mich habe und ich mich wohl fühle. Aber klar: Walliser bleibt man immer. Wenn man von einer «Randregion» ist, prägt einem das: ich bin zwischen zwei Bergen aufgewachsen. Diese beiden Berge machen mich nicht engstirniger, aber bissiger, weil ich da immer «raus» wollte, um meine beruflichen Ziele zu erreichen. Heimat ist für mich nicht die Definition eines Ortes, sondern von einem Zustand und das kann überall sein.


Und dennoch trinken wir hier nur Walliser Weine!

Ja, aber die Walliser Weine haben die letzten Jahre sehr grosse Fortschritte gemacht. Früher haben die Walliser nur schlechte Weine in die Deutschschweiz geschickt. Das ist heute anders: wir trinken jetzt gerade einen Fendant einer sehr bekannten Walliser Winzerin und das muss man heute einfach probieren. Sie hat international viele Preise für ihre Weine bekommen.


Ich meine, diese Entwicklung machen doch fast alle, die Wein trinken: man beginnt mit den Weinen hier, trinkt dann Flaschen aus Italien, Frankreich, Spanien, Portugal. Entdeckt dann die neue Welt mit Weinen aus Kalifornien, Argentinien, Chile und schliesslich noch Südafrika und Neuseeland. Und irgendwann sagt man sich: «Wieso trinke ich eigentlich einen Malbec aus Übersee, wenn wir hier so gute Weine haben?».


Wie sieht aktuell dein Arbeitsalltag aus?

Ich hatte die letzten zwei Jahre das grosse Glück, dass der Anteil SRF an meinem Arbeitsalltag immer etwa gleich gross geblieben ist. Sport hat es immer gegeben, auch wenn wir nicht mehr so viel in den Stadien waren. Auch der Donnschtig Jass, denn ich seit 3 Jahren machen darf, hat es weiterhin gegeben – auch wenn wir da natürlich nicht umhergezogen sind. Aber die Moderationen «links und rechts» davon, die man sonst noch so macht sind weggefallen. Aber mich hat das nicht so hart getroffen wie andere.


Sprechen wir von deinen Wurzeln – du hast ja eigentlich bei einem Lokalradio im Wallis angefangen?

Ich habe wie viele die Matura gemacht und dann aber bald gemerkt, dass ich für ein Studium zu wenig Talent hatte und vor allem auch ein bisschen zu faul war. Gerade zu der Zeit wurde das Lokalradio Rottu Oberwallis gegründet und ich dachte, dass das noch was für mich sein könnte. Es ist nicht so, dass ich schon als Bub mit dem Kassettenrekorder Beni Thurnheer imitiert hätte, aber ich dachte, das Radio könnte ein Ort sein, wo ich meine Begeisterung und mein Wissen über Sport einbringen kann.


Das war 1991/1992 und bereits nach wenigen Tagen am Mikrofon wusste ich: das ist meine Passion. Also eigentlich bin ich dieser Passion nicht nachgelaufen – ich wusste nicht, was das überhaupt für ein Beruf ist. Die Passion hat vielmehr mich gefunden. Und von da an wusste ich: das ist mein Ding.


Und dann habe ich ein Brief und ein Tonband an die Sportabteilung, Schweizer Fernsehen, Zürich geschickt nach dem Motto: «Ich bin der, welcher ihr schon lange sucht, aber noch gar nicht wisst, dass es ihn gibt». Dann habe ich ein halbes Jahr nichts gehört. Später habe ich erfahren, dass dieser Brief von einem Pult zum nächsten gereicht wurde. Bis ich dann eine Absage bekommen habe, dass man zurzeit niemanden brauche und ich mich in eineinhalb Jahren wieder melden soll. Das wollte ich natürlich so nicht akzeptieren und hab dann die Telefonnummer des Sekretariats Sport von SRF rausgesucht. Da hat dann immer Frau Heggetschwiler abgenommen und ich verlangte jedes Mal mit Urs Leutert, dem damaligen Chef vom Sport, sprechen zu können. Ich habe so lange «Telefon-Terror» gemacht, bis ich mit ihm verbunden wurde und er mir wohl einfach in der Hoffnung, dass er mich loswird, ein Termin gegeben hat.


Jedenfalls hatte er nach diesem Termin wohl den Eindruck, dass ich doch ein bisschen Potenzial habe und hat mir gesagt, dass er mich an ein Casting einlädt und wenn ich das bestehe, dass ich ein Volontariat bekommen könnte. Dann habe ich mich für das Volontariat bei ihm bedankt, worauf er meinte, dass er mir ja noch gar nicht zugesagt hätte. Und ich antwortete ihm, dass es ausgeschlossen ist, dass ich das Casting nicht bestehe.


Schliesslich hat auf jeden Fall alles geklappt und ich habe bei Matthias Hüppi meinen ersten Vertrag beim SRF unterschrieben. Und hier schliesst sich der Kreis: ich war nicht besser als alle anderen Journalisten aus dem «Zürcher Umfeld», aber die Berge in Wallis haben mich – wie schon gesagt – bissiger und leidenschaftlicher gemacht.


Seither hast du ja nicht nur beim Sport sondern auch als Entertainer Karriere gemacht. Wie ist dir das gelungen?

Ich glaube, was du Christa und ich gemeinsam haben, sind unsere «Eigenheiten»: im Gegensatz zu allen aus Zürich, dem Mittelland, den Baslern und so weiter kommen wir eben aus einer Randregion und fallen einfach auch ein bisschen mehr auf: Unsere Sprache, unser Auftreten und unsere Art. Wir haben «unsere Markenzeichen» immer bei uns und das führt vielleicht dazu, dass man uns ein bisschen mehr zuhört als allen anderen.


Reden wir über Sport: Du hast weltweit die besten Sportler angetroffen und kennengelernt. Wer ist dir da am meisten in Erinnerung geblieben?

Ich habe vor allem Erinnerungen an Erlebnisse und weniger an einzelne Menschen. Wenn man während mehrerer Wochen in Salt Lake City die Olympischen Spiele oder in Toljatti die Fussball WM begleitet oder wenn man die FIFA Gala «World Player of the Year» mit 110 Millionen Zuschauenden moderieren darf, dann sind das grossartige Momente, die man nicht mehr vergisst. 

 

Du bist schon lange «im Business». Wenn Du so ein Event wie die FIFA Gala moderierst, bist du da noch aufgeregt?

Nein, aber ich habe bewusst daran gearbeitet. Aufgeregt oder nervös sein ist leistungshemmend. Und ich habe dieses Wort aus meinem Wortschatz gelöscht. Ich bin aber «freudig erregt» und das gibt mir die Energie, die es für solche Momente braucht.


Wer ist für dich der fairste Sportler?

Das kann ich so nicht beantworten. Natürlich ist es einfach jetzt Roger Federer zu nennen – er ist wirklich ein herausragender Mensch – aber auch jeder Schwinger, jeder Rugby-Spieler ist sehr fair.


Aber der beste Sportler?

Auch das kann ich so nicht beantworten. Es gibt viele herausragende Persönlichkeiten. Michael Jordan zum Beispiel bewundere ich wirklich. Wenn er beim Spielstand vom 68:68 und 5 Sekunden vor der Schluss-Sirene den Ball bekommt, dann wusste jeder – er selber, alle seine Gegenspieler und das Publikum – dass er jetzt den entscheidenden Korb macht. Ich bewundere Sportler, welche den Sport durch ihre Persönlichkeit auf ein neues Level bringen. Das gilt selbstverständlich auch für Menschen wie Federer, Ronaldo oder Messi. 


Woher kommt eigentlich deine Passion für den Sport?

Nun eigentlich wäre ich in meinem Leben lieber Pascal Zuberbühler als Beni Thurnheer geworden. Aber es hat sich bald gezeigt, dass ich zu wenig gut war, um als Sportler Karriere zu machen. Man muss wissen: ich komme aus Raron im Oberwallis. Da ist Fussball das dominierende Thema. Und ausserdem gibt es da Erich Burgener. Er ist 64-facher Nationalgoalie, ist am 15. Feburar 1951 geboren, hat in Genf und Lausanne gespielt – ich weiss alles über ihn. Er war mein grosses Idol. Aber nicht ein Idol, welches ich nur als Poster an der Wand kannte, sondern aus Fleisch und Blut, den ich immer wieder gesehen habe. Er war über meinen Vater mit uns verwandt und er hat mich häufig in die Stadien mitgenommen. Das prägt fürs Leben: ich bin jetzt über 50 und verspüre immer noch diese Begeisterung für den Sport.


Deine schönste Moderation?

Da muss ich ein bisschen ausholen. Wenn man bei Fernsehen arbeitet, bekommt man früher oder später Lust ein Unterhaltungsformat machen zu dürfen. Mein früherer Chef hat mir das allerdings nie erlaubt. Und irgendwann habe ich mich damit abgefunden, dass ich diese Chance nicht bekomme. Bis mir dann 2019 angeboten wurde den Donntschtig-Jass zu machen. Der letzte Donnschtig Jass meiner ersten Staffel fand am 15. August 2019 statt. Im 2019 hatte ich das 25-jährige Jubiläum beim Fernsehen, war ich 20 Jahre verheiratet und habe an eben diesem 15. August meinen 50. Geburtstag gefeiert. Das war schon ein sehr schöner Moment.


Deine schlechteste Moderation?

Da gibt es keinen Anlass mehr, an den ich mich speziell erinnern kann. Aber es gibt diese ersten Monate beim Fernsehen, wo ich noch nicht mich selbst war. Ich habe immer versucht eine Rolle zu spielen, von welcher ich dachte, dass sie Salzgeber sei. Es brauchte ein Moment, bis ich mich so akzeptieren konnte, wie ich bin. Und erst von da an wurde ich wirklich authentisch. Und wenn man authentisch moderiert, kann man auch mit peinlichen Momenten viel besser umgehen.


Ich finde nichts langweiliger als die Perfektion. Man bewundert vielleicht perfekte Moderatoren, aber lieben tut man die authentischen. Und da halte ich Beni Thurnheer für ein ganz grosses Vorbild: er war einfach immer sich selber und versuchte nie jemand anders zu sein. Ein Schauspieler muss eine Rolle spielen, ein Moderator muss sich selbst sein.


Für welche drei Dinge bist du am dankbarsten im Leben?

Ich halte ja ab und zu Vorträge darüber, wie man erfolgreicher Moderator wird. Und am Schluss dieser Vorträge sage ich immer denselben Satz: «Sie können alles vergessen, was ich jetzt erzählt habe, wenn Sie die falsche Frau heiraten». Also für meine Frau, meine Kinder und meine Familie bin ich sehr dankbar.


Was war die beste Entscheidung in deiner Karriere?

Am Anfang meiner Karriere hat mich mein damaliger Chef aus der Livekommentierung von Fussballspielen abgezogen – ganz ohne Begründung. Das ist die Königsdisziplin im Sport-Journalismus! Und da war ich drauf und dran zu kündigen und wieder als Radiomoderator ins Wallis zu gehen. Kurz danach war ein Championsleague Spiel Inter gegen «Judihui» wo die Leitung ins Stadion zusammenbrach. Dann hat mich die Regie in die Kabine geschickt und gesagt: Salzgeber, geh rein, du musst übernehmen! Und ich dachte: wow, ein Champions League Spiel live kommentieren! Und habe geantwortet, dass ich es nicht mache, da mich der Chef vor zwei Wochen abgesetzt hat. Und die erste Halbzeit lief unkommentiert über den Sender. Von da an wusste der Chef, dass er mich nicht einfach ohne Begründung abziehen kann und ich bin froh, dass ich trotz dem Frust nicht gekündigt habe.  


Dein nächstes grosses Projekt?

Jetzt ab Juli können wir mit den Donntschtigs-Jass endlich wieder in die Gemeinden raus. Und am 11. August tritt Kloten gegen Bassersdorf an. Also Kloten – wo ich eine Beteiligung an einem Restaurant hatte ­– und Bassersdorf, was quasi mein Lebensmittelpunkt ist, jasst gegeneinander. Da freue ich mich schon sehr drauf.


Auf was könntest Du in deinem Leben nicht verzichten?

Familie, Sport, Freundschaften.


Welcher Schauspieler wärst du gerne?

James Bond! Der trägt auch so gerne schicke Smokings wie ich.


Welche Sendung würdest du gerne noch moderieren?

Das was ich habe, macht mich zufrieden.


Welches ist dein Lieblingsgericht?

Das ist ganz einfach: Raclette, aber selbstverständlich aus Walliser-Käse!


Was gibt es bei dir immer im Kühlschrank?

Das musst du meine Frau fragen ...


Was bedeutet Genuss für dich?

Zeit und Qualität.


Was machst du nie im Restaurant?

Reklamieren.


Welche Kriterien sind für dich beim Besuch eines Restaurants ausschlaggebend?

Qualität und Service. Selbst wenn die Gerichte nicht perfekt sind: der Service kann das wettmachen.


Was vermisst du am meisten von der Walliser-Küche?

Da vermisse ich nichts ... aber das Ambiente und die Atmosphäre.

 

Kurz gefragt:

Welches Buch liegt gerade auf deinem Nachttisch?

Factfulness von Hans Rosling. Das ist eine Empfehlung von Beni Thurnheer, Beni ist so belesen!


Welchen Film hast du zuletzt gesehen?

Drive to Survive, die Netflix Serie über die Formel 1.


Was für Musik hörst du gerade?

The Alan Parsons Project.


Mit welchem Sportler würdest du gerne mal essen?

Michael Jordan.


Auto oder Zug?

Elektrisches Auto.


Wein oder Bier?

Wein.


Pasta oder Sushi?

Beides.


Winter oder Sommer?

Winter!


Berge oder Meer?

Berge!


Welches Tier wärst du am liebsten?

Elefant.


Dein Vorbild?

Erich Burgener und Beni Thurnheer.


Wovon träumst du?

Gesund alt werden.


Was macht dich happy?

Glückliche Menschen um mich.


Vielen herzlichen Dank für dieses Interview.


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